Historie-Arbeitskreis-Glashütten Taunus
Historie-Arbeitskreis-Glashütten Taunus

Diese Seite verwendet Cookies, siehe Hinweise in unserer Datenschutzerklärung

Rennofenschlacken im Taunus - Relikte einer mittelalterlichen Eisenerzverhüttung

Ein Beitrag zur regionalen Geschichtsforschung

Ein Amateurforscher berichtet


Rennofenschlacken im Taunus


Relikte einer mittelalterlichen Eisenerzverhüttung

 

von Horst Nauk, 2009

Wenig beachtete Bodendenkmäler im Taunus

 

Im Geschichtsbewußtsein vieler Bürgerinnen und Bürger der Taunusregion dominieren derzeit die <Römer im Taunus>. Dazu beigetragen haben der mit riesigem finanziellen Aufwand betriebene Erhalt und die Wiederentstehung römischer Anlagen im Sog der Benennung des Limes zum Weltkulturerbe der UNESCO. Die ungewöhnlich häufigen und umfangreichen Medienberichte sind darauf gerichtet, einen großen Personenkreis für die römische Geschichte zu gewinnen. Alles erinnert an die Epoche der Römer-Romantik um das Jahr 1900.

 

Im Abseits dagegen steht die lokal gewachsene Geschichte. Sie ist nicht von Fremden herangetragen worden, sondern hat sich aus dem Leben und Wirken der heimischen Bevölkerung heraus gebildet. Davon zeugen unendlich viele Hinterlassenschaften. Schauen wir uns nur in den Wäldern um. Über Jahrhunderte hinweg sind die Spuren alter Handwerke mit dem Waldboden untrennbar verbunden. Sie führen uns unter anderem zur Glasgewinnung im 12. Jh., der Eisenerzverhüttung mutmaßlich im 13 ./14. Jh., zu den Waldglashütten des 15. bis Ende des 17. Jahrhunderts und dem Köhlerhandwerk, das bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts betrieben worden ist. Obgleich diese Epochen bedeutende Stationen der Wirtschafts- und Kulturgeschichte im Taunus sind, finden sie kaum öffentliche Beachtung und sind dem Verfall preisgegeben. Weite Abschnitte der Heimatgeschichte bleiben im Dunkel der Zeit. So bietet sich der Amateurforschung - Verein oder Einzelperson - ein breites Betätigungsfeld.

 

Im Einvernehmen mit dem Landesamt für Denkmalpflege Hessen habe auch ich mich in diese Gruppe eingereiht. Von Glashütten im Taunus ausgehend habe ich große Bereiche des westlichen Naturpark Hochtaunus in einen archäologischen Begehungsplan aufgenommen, der Teile vom Hochtaunuskreis, Main-Taunus-Kreis, Rheingau-Taunus-Kreis und Kreis Limburg-Weilburg einschließt (siehe Seite 4). In diesem Raum suche ich Wiesen und Wälder nach bislang nicht erkannten historischen Stätten ab, vermesse, kartiere und dokumentiere sie. Die dabei gemachten Erfahrungen bestätigen in vielfältiger Weise, dass dem Wald auch hier Aufmerksamkeit zu schenken ist.

 

Darüber möchte ich berichten.

 

Der Wald, ein Fenster mit Blick in das Mittelalter

Der Rohstoff Holz

 

Schon im Mittelalter war der Taunus eine ausgedehnte Waldlandschaft. Die damaligen Territorial- und Grundherren verbanden mit dem Besitz großer Wälder nicht nur die Möglichkeit eines unbegrenzten Jagens; Waldbesitz war in erster Linie ein Wirtschaftsfaktor. Holz, ein nachwachsender Rohstoff, der Erträge einbrachte.

 

Zur Zeit des Burgen-, Klöster- und Städtebaus hatte Holz einen besonders hohen Stellenwert, wurde es doch nicht nur zur Errichtung, Ausstattung und zum Beheizen von Gebäuden, sondern auch für das Eisen- und Glashandwerk benötigt. Die Herrschaftshäuser hatten einen schier unbegrenzten Bedarf an Werkzeugen und Waffen aus Eisen, an Glas für Kirchenfenster, Prunk- und Trinkgefäßen. Für die Gewinnung und Weiterverarbeitung dieser Werkstoffe bis hin zum Endprodukt waren gewaltige Holzmengen erforderlich; für das Eisenhandwerk Holzkohle, für Waldglashütten Scheitholz. Holz, der einzige Energieträger für die Schmelzöfen beider Handwerke, in denen Temperaturen von mehr als 1100 Grad Celsius erreicht werden mußten. Das war in vorchristlicher Zeit, im Mittelalter bis hin zum Ende des 19. Jahrhunderts so. Erst dann eroberte die energiestarke Steinkohle (umgewandelt zu Koks) den Markt für die Hochöfen der Eisenindustrie.

 

Sichtbar ist die Bedeutung des Holzes mit den Spuren der Köhler. Während der Jahrhunderte haben sie 10 - 13 Meter messende, kreisrunde Platten in die Wald hänge waagerecht eingegraben und darauf immer wieder ihre Meiler zum Verkohlen von Holz errichtet. Kaum ein Waldstück, das frei von Köhlerplatten ist. Sie gehören zu der zahlenmäßig stärksten Denkmälergruppe. Der Ursprung vieler dieser Plattformen dürfte sogar in die "Rennofenzeit" zurückführen. Zu dieser Einschätzung komme ich vor allem an solchen Orten, wo natürliche Einflüsse einen Schlackenplatz und eine unmittelbar angrenzende Köhlerplatte in gleicher Weise haben verfallen lassen. Ein solches "Paar" kann durchaus zeitgleich sein. Mehrere Beispiele gibt es dafür.

 

Eine Schattenseite hatte der übermäßige Holzbedarf; es fielen ihm große Waldflächen zum Opfer. Ab dem 15. Jb. begegnete man dem planlosen Abholzen der Wälder mit der Haubergwirtschaft. Sie wurde in Waldlandschaften als eine besondere Form der geregelten Niederwaldnutzung eingeführt. Der Zweck war, beständig größere Mengen Holz als Stockausschläge verbliebener Wurzelstöcke zu gewinnen, um diese als Holzkohle der Eisenverhüttung zuzuführen. Hauberge wurden vorwiegend aus Eichen und Birken angelegt. Man ließ diese Gehölze 15 - 20 Jahre alt werden uDd schlug sie dann. Das Holz der jungen Stämme ergab eine dichtere und festere Holzkohle als das alter.

 

Graf Johann von Nassau erließ 1562 eine "Holz- und Waldordnung", in der auch die Haubergwirtschaft geregelt war (aufgenommen in das älteste Forstgesetz Nordrhein-Westfalens). Die Haubergwirtschaft ist seit dem Spätmittelalter bis in das 19. Jb. hinein in Westdeutschland belegt. Auch im Taunus scheint es sie gegeben zu haben. Im Distrikt Pfaffenwald, Gemarkung Niederreifenberg, wird in der topographischen Karte des Hess. Landesvermessungsamtes (Maßstab 1:5000; Stand 1973) ein Wiesental als Haubergsgrund bezeichnet. Auch dort sind Schlackenplätze und Köhlerplatten anzutreffen.

 

Ob Eisenhüttenleute, Glasmacher oder Köhler: alle haben in den Wäldern ihre Spuren hinterlassen.

 

Hier möchte ich mich den der Eisenhüttenleute zuwenden.

 

Schlackenplätze,

die verbliebenen Spuren der Eisenhüttenleute

 

Der Taunus mit seinem Holz und dem vielartigen Wasseraufkommen bot eine ideale Basis für die Arbeit der Eisenhüttenleute. In einfachen Öfen aus Lehm, den Rennfeuer- oder Rennöfen (von rinnen, d. h. im Ofen zerrinnt das Erz zu Eisen und Schlacke) verhütteten sie Eisenerze und erschmolzen daraus das begehrte Produkt Eisen. - Im Taunus mutmaßlich im 13. und beginnenden 14. Jahrhundert. Von ihrem Wirken zeugen in Wiesen und Wäldern nur noch Schlackenplätze, die klassischen und einzigen obertägig erkennbaren Überbleibsel dieses Handwerks (Abb. 1 und 2). Sie sind Zeugnis der vergangenen "Rennofenzeit" und bilden eine eigene Bodendenkmälergruppe. Von den Schmelzöfen selbst ist an der Oberfläche nichts geblieben. Ihre Zahl muß hoch gewesen sein, denn jedem Schlackenhaufen muß mindestens ein Ofen zugerechnet werden. Allein damit gelten 1m Begehungsraum mehr als 500 als nachgewiesen. Wohl bemerkt, nachgewiesene Öfen. Die tatsächliche Zahl wird um ein Vielfaches größer und nie zu ermitteln sein. Das hat unterschiedliche Ursachen. Die einfachen Öfen aus Lehm (sie werden an anderer Stelle erklärt) hielten zeitlich nicht unbegrenzt den Belastungen durch die Reduktionsvorgänge im Innern stand und mußten häufig schon nach kurzer Nutzung abgebrochen werden.

Ein Nachfolgeofen wurde errichtet. Wie viele es tatsächlich an einem Schlackenhaufen waren, läßt sich allein am Volumen der teils enormen Schlackenmenge nicht abschätzen. Eigene Überlegungen ruhren mich zu der Auffassung, dass an einem Schlackenhaufen mittlerer Größe eine Vielzahl an (Nachfolge-) Schmelzöfen gestanden haben muß, um derartige Schlackenmengen zu erzeugen. Ferner ist zu berücksichtigen, dass ein Rennofen nicht einfach abzuschalten war. Die Befeuerung und Beschickung mit Erz mußte eingestellt werden. Erst nach langer Abkühlphase (vielleicht zwei Tage) konnte das Produkt aus dem Ofen geborgen werden. Bei nur einem Ofen ein viel zu langer Freiraum.

Abb. 1: zwei mächtige, klassische Schlackenhügel im Distrikt Seelborn, Gern. Oberems, im Winkel Rübenhainsweg / Steinweg; zwischen beiden ein ebenes Plateau, der mutmaßliche Ofenplatz.
Abb. 2: eine enorme Schlackenmenge zu einem Haufen aufgeworfen; Stando

Diese Mutmaßung gilt insbesondere für solche Orte mit gleich mehreren Schlackenhaufen oder gar großen Schlackenhalden. Bildlich ließe sich hier eine "Kleinst-Indutriestätte" mit mehreren gleichzeitig betriebenen Schmelzöfen vorstellen.

Ein weiterer Faktor für die nicht einschätzbare Anzahl liegt im Begehungserfolg selbst. Die Dunkelziffer der unentdeckt gebliebenen Schlackenplätze könnte hoch sein. Dabei dürfte es sich insbesondere um bach- und wasserfern liegende handeln und solche, die stark erodiert sind und keine Bodenanomalien aufweisen.

 

Auch im Zuge von Wiederverwendungsmaßnahmen können Schlacken abgefahren worden sein. Der Grund lag darin, dass der Eisengehalt der Rennfeuerschlacken über dem des in der Neuzeit zutagegebrachten Eisenerzes lag. In den Jahren 1883 - 1887 und 1914 - 1915 griff man auf diese Schlacken zurück und führte sie Hochöfen zu. Dass Rennfeuerschlacken auch als Wegeschotter Verwendung fanden, ist u.a. in der Gemarkung Oberems, Unterer Zackenweg (unterhalb des mächtigen Verhüttungsplatzes im Rübenhain) zu beobachten.

 

Die eigentliche Problematik liegt im Erkennen der Verhüttungsplätze. Selten, dass sich Schlackenplätze als deutliche anthropogene Geländerelikte in ihrer ursprünglichen Form, einem aufgeworfenen Haufen / einer Halde, zeigen. Die Mehrzahl von ihnen ist im Verlaufe der Jahrhunderte durch natürliche Einflüsse stark erodiert, von Erde, Bewuchs und Laub verdeckt. Nur das geübte Auge vermag sie auszumachen. In einem nicht geringem Ausmaß hat auch der Mensch dazu beigetragen. Mit einschneidenden Bodeneingriffen (Straßen- und Wegebau, Erschließung von Bau- und Gewerbegebieten, Trinkwasserversorgung, Änderung von Wasserläufen und nicht zuletzt der Forstwirtschaft) sind viele dieser Bodendenkmäler verändert oder zerstört worden. So gibt es vielerlei Ursachen und Gründe, die das Aufspüren solcher Plätze schwierig gestalten und beim Suchen Konzentration und Ausdauer fordern. Es soll kein Geheimnis sein; nicht jeder Geländegang ist von Erfolg gekrönt.

 

Abb. 3: ein offenbar prädestiniertes Gelände; im Schmittgrund, Gern. Oberreifenberg, gibt es 14 Schlackenplätze. Unter dem Schnee und oberhalb davon ein großer, absolut verflachter Schlackenplatz.
Abb. 4: südl. NSG Reifenberger Wiesen, Gern. Niederreifenberg. Ein breit verflachter Schlackenhorizont im sumpfigen Gelände. Hier hat eine Vielzahl an Rennöfen gestanden. Nur an den Maulwurfhügeln sind Schlacken obertägig sichtbar.
Abb.5: zwei Schlackenhaufen am Kalbshecker Bach, Gern. Schloßbom. Im mittleren Hintergrund der mutmaßliche Arbeits- / Ofenplatz.
Abb. 6: die Quelle im Rübenhain, Gern. Oberems, ist Kern des großen Verhüttungsplatzes. In ihrem Bereich gibt es sieben Schlackenhalden, deren Inhalt enorm ist. Foto aus dem Jahr 1998.

Die Beobachtungen und die dabei gewonnenen Erkenntnisse mache ich mir zunutze. So habe ich recht bald erkannt, dass Schlackenplätze - mit wenigen Ausnahmen - einen Bezug zu Wasser haben (Abb. 3 - 6). Deshalb schenke ich dem Umfeld von Bächen, Wasserrinnen (auch solchen, die heute kein Wasser mehr führen), Quellmulden und Feuchtgebieten besondere Aufmerksamkeit. Erkannt habe ich dabei, dass selbst in den gängigen topographischen Karten 1 :25000 nicht alle Wasservorkommen aufgenommen sind und gebe deshalb einer Ganzbegehung den Vorzug.

Abb. 7: an einer Baumwurzel heraus gewachsene Schlacken; sie waren hier der einzige Hinweis auf den völlig erodierten Standort.

Aus der Erfahrung heraus entwickelten sich besondere Vorgehensweisen. Eine davon bezeichne ich als "Wurzel-Methode". An allen, für die Erzverhüttung prädestiniel1 erscheinenden Orten, unterziehe ich Baumwurzeln einer besonderen Prüfung. Dabei stoße ich immer wieder auf aus dem Boden herausgewachsene Einzelschlacken (Abb. 7). Sie führen mich zu den teils tief im Erdreich liegenden zugehörigen Schlackenplätzen. Natürlich wird auch jede Wurzel umgestürzter Bäume inspiziert und auf diese Weise manch ein Schlackenplatz entdeckt. Eine besondere Art von Unterstützung widerfuhr mir von der Natur selbst. Beim Stöbern nach Larven, Raupen, Käfern und Schnecken, die sich in die Hohlräume der Schlackenlager zurückziehen, fördern Schwarzwild und Maulwurf (Abb. 8 und 9) teils mehrere Zentimeter tief im Wiesenboden liegende Schlacken an das Tageslicht. Allein dem Maulwurf habe ich viele, der durch Weidewirtschaft gänzlich verebneten, oberflächig nicht sichtbaren Schlackenplätze zu verdanken.

Abb. 8: Schwarzwild hat den Wiesenboden aufgebrochen und Schlacken an die Oberfläche gebracht.
Abb.: 9: Schlacken auf dem Maulwurfhügel; es war das einzige Indiz.

Durchaus erfolgreich ist auch das Absuchen von Bachläufen. Dort kann eine Einzelschlacke in der Uferwand oder im Wasser zum Hinweis auf den verdeckten Schlackenplatz werden. Im Laufe der Zeit lernte ich aus den Erfolgen. Ein Beispiel: anfangs habe ich Köhlerplatten keine große Aufmerksamkeit geschenkt, sie lediglich zur Kenntnis genommen. Bis zu dem Tag, als ich unter Kohlegrus auf Schlacken stieß. Um diese Erfahrung reicher beobachtete ich in der Folgezeit, dass Köhler so manch einen Verhüttungsplatz wiederbelegt haben. Eigentlich nachvollziehbar, denn die Köhler ersparten sich die schwere körperliche Grabearbeit des Plateauanlegens. Die Standortkriterien der Eisenhüttenleute kamen ihnen dabei entgegen.

Ein Blick auf die Aufnahmekarte (z. B. Kartenausschnitt 'Oberreifenberg 5716', Seite 12; schwarze Punkte sind Schlackenhaufen) zeigt, dass einzeln liegende Schlackenhaufen, das heißt im weiten Umfeld gibt es keinen zweiten, selten sind. Eine denkbare Erklärung dafür wäre, dass an ihnen ein nur geringes, vor Ort anstehendes Erzvorkommen verhüttet wurde. Dagegen überwiegen Zweier- und Dreiergruppen bis hin zu wesentlich größeren Zusammenschlüssen. Gruppen sind relativ einfach zu deuten. Von örtlich anstehenden Erzvorkommen abgesehen, gaben zur Bildung einer Gruppe nicht nur eine prädestinierte Position im Gelände (Hanglage, Wasser, Holz) sondern auch der Anschluß oder die Erreichbarkeit von Transportwegen fiir Eisenstein aus ferngelegenen Erzlagern den Ausschlag. Als Gruppe spreche ich selbst solche Schlackenplätze an, die entlang eines Baches - teils mit größeren Abstand über eine längere Strecke - hintereinander gereiht liegen. Als Beispiele werden angeführt: Schmittgrund (14) in Oberreifenberg, Lauterbach und Krötenbach (je 12) in Arnoldshain, obere Emsbach (8) oder Kalbshecker Bach (10) in Schloßborn. Es liegt nahe, dass es dieselben Hüttenleute waren, die entlang eines Baches gearbeitet haben. In aller Regel zeigen die Schlackenplätze einheitliche Erosionserscheinungen.

Eindeutiger als Gruppe zu bezeichnen sind Schlackenhaufen auf engstem Raum beieinander. So traf ich in einem etwa 20-jährigen Fichtenbestand in der Gemarkung Neu-Anspach, nördlich der Höhe Polnische Köpfe, an einem kleinen Bach, auf vier kuppig-gerundete Schlackenhügel. Fast einen Kreis bildend und mit mindestens zwei Ofenebenen verkörpern sie bildlich eine Einheit.

 

Ganz interessant wird es in der vom Langhecker Bach geprägten Waldregion in der Gemarkung Bad Camberg. Dort konnte ich 33 Schlackenhügel aufnehmen. Schwerpunkt ist dort der Distrikt Hüttenschlag. Um eine einstige Quelle und deren Auslauf herum gibt es sieben ausgeprägte Schlackenhügel mit jeweils großem Volumen. Nahe liegt, dass die Verhüttungsintensität an diesem Standort darauf zurückzuführen ist, dass es eine Anbindung an einen Transportweg gab, auf dem Eisenstein aus ferngelegenen Lagerstätten und in größeren Mengen herangebracht werden konnte. Von einem solchen Weg ist hier auszugehen. Dafür sprechen zwölf vorgeschichtliche Grabhügel in der Nachbarschaft zum Hüttenareal. Gräber dieser Art wurden meist an Höhen-Fernwegen angelegt, die zeitlich bis in die Bronzezeit, einige sicher auch in das Neolithikum, zurückreichen können.

 

Ähnlich große Hüttenstandorte gibt es in den Gemarkungen Königstein (Herrnwald und Schmidtröder), Hasselbach, Oberems (Rübenhain) und Schloßborn (Meisebach). Schauen wir auf den Distrikt Meisebach. Hier gibt es zwei, auf gleicher Höhe und nur wenige Meter von einander getrennt liegende Quellen, deren ablaufende Wasser sich etwa 200 m talwärts vereinen.

 

Im Bereich der tief liegenden nördlichen Quelle gibt es sechzehn mächtige Schlackenhaufen auf relativ eng begrenztem Areal. Etwa die Hälfte davon weisen stärkere Erosionsspuren als der Rest auf. Sind es zwei Generationen? Wenn dem so wäre, war die erste Phase mit dem Verbrauch des Holzes beendet. Wahrscheinlich nach mehreren Jahrzehnten war eine Wiederbelegung des Areals erfolgt. Mächtige Stämme eines nachgewachsenen Waldes waren dafür allerdings keine Voraussetzung. Im Gegenteil, fiir die Gewinnung von Holzkohle wurde Knüppel- und Stangenholz bevorzugt, das in Bach- und Feuchtzonen dichte Gehölze bildete. Wirtschaftlich gesehen war es minderwertig, für die Verkohlung aber bestens geeignet. Ist dies der Grund dafür, dass so viele Hüttenplätze in Feuchtregionen anzutreffen sind?

 

Die wissenschaftliche Forschung zur " Rennofenzeit"

 

Im Taunus hat sich die Wissenschaft bisher nicht mit der mittelalterlichen Eisengewinnung in Rennfeuer- / Rennöfen befaßt. Um dennoch die Spuren der "Rennofenzeit" deuten zu können, wenden wir uns dem Kernland der altnassauischen Herrschaft zu, das mit seinen reichen Erz- und Holzvorkommen an Sieg, Dill und Lahn schon früh ein Zentrum der Eisenherstellung und -verarbeitung war. Diese kleine metallurgische Modell-Landschaft wurde 1990 zum Rahmen eines großen archäometallurgischen Forschungsprogramms. Über die Volkswagenstiftung Hannover, unter Federführung des Seminars für Ur- und Frühgeschichte der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster, wurde an der Dill über Geländeforschung nach Spuren der Metallurgiekette <Altbergbau - Verhüttung - Verarbeitung von Eisenerz> gesucht. Metallurgie: Hüttenkunde; die Lehre von der Gewinnung der Metalle aus Erzen und von den Schmelz- und Umwandlungsprozessen, der Technik der Legierungen und Verarbeitung. Mit dem 1995 offengelegten Forschungsergebnis waren Bauprinzip der Öfen, der Verhüttungsablauf und somit die Gewinnung von Eisen im 12. - 14. Jh. geklärt. Im Vergleich der Topographie, Standort - und Ofenplatzbefunde, sowie Datierungsquellen im Taunus mit denen an der Dill, ist eine Übereinstimmung unübersehbar. Deshalb scheint es vertretbar, die "Rennofenzeit" im Taunus mit dem Ergebnis der wissenschaftlichen Forschung der Universität Münster zu erklären und gleichzustellen.

 

Bau und Funktion eines Rennfeuer- / Rennofens

 

Nach dem Forschungsergebnis der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster wurde der Verhüttungs- bzw. Ofen platz so gewählt, dass der Zugriff auf Holz und Wasser gewährleistet war und der Ofen im Hangwind stand. Die topographischen Höhen scheinen dabei nicht ausschlaggebend gewesen zu sein.

Im Vergleich mit diesen Vorgaben gibt es bei den Befunden im Taunus eine absolute Übereinstimmung. Bei einer Höhe von 278 bis 685 ü. NN galten augenscheinlich dieselben Kriterien.

 

Der ersten Maßnahme, Wahl des Standortes, folgte das Herrichten eines rundlichen, waagerechten, ebenen Arbeits- und Ofenplatzes im meist hängigen Gelände. Erst dann begann der Bau des Rennofens, des Kernstückes einer solchen Anlage. Dazu wurde im Zentrum der Plattform eine kleine, geringtiefe Grube ausgehoben. Darüber errichteten die Hüttenleute aus grob gemagerten Lehm den Rennofen, einen kuppel- oder schachtartigen Kamin von 0,70 m bis 1,50 m Höhe. Der Innendurchmesser (an der weitesten Stelle) lag zwischen 0,30 m bis 0,50 m, die Wand stärke bei etwa 0,10 Metern (Abb. 10). Unten am Ofenkörper befand sich das von Steinen eingefaßte "Ofentor", vorgesehen für den Abstich der flüssigen Schlacke. Dort verliefen auch rundum Luftlöcher. Durch sie wurde, bei der oben offenen, schachtartigen Bauweise und den damit erzielten Kamineffekt, die für die Verbrennung notwendige Luft selbsttätig "eingesaugt", um den entstehenden Unterdruck der heißen, durch die Gichtöffnung entweichenden Verbrennungsgase aufzufüllen. Je höher der Ofenschacht, um so größer ist der Kamineffekt.

 

Der fertiggestellte Ofenkörper wurde bei leichtem Reisigfeuer vorgetrocknet, danach hart gebrannt bis die Innenwand feuerfest gehärtet war. Nun erfolgte ein kräftiges Aufheizen mit Holzkohle. Über die Gichtöffnung wurden schichtweise - oder als Gemenge - Holzkohle und gepochtes (zerkleinertes) Erzgestein eingefüllt, wobei das Mengenverhältnis von Erz zur Holzkohle unbekannt ist. Die "Ofenreise" / der Ofengang begann. Durch den Kamineffekt fraß sich das Feuer von unten her durch Kohle und Erz. Bis zu 1150 Grad C konnten erreicht werden, bei Einsatz eines manuell betriebenen Blasebalges auch wenig mehr. Die Temperatur genügte, um im Ofeninnern einen Prozeß einzuleiten, der einen Teil des Eisenoxids im Eisenstein zu Eisen reduzierte. Roheisen entstand. Etwa 50 - 60 % des Eisenoxids verblieb jedoch in der Schlacke.

Das Eisen selbst wurde, im Gegensatz zu den übrigen Schlacken bildenden Substanzen - hierzu zählt auch ein Teil der Ofenwand - nicht geschmolzen. Es sammelte sich innerhalb des Erz- Holzkohle-Schlacke- Gemisches im unteren Teil des Ofens, verklebte dort zu einem porösen, schwammigen Eisen- oder Weichstahlklumpen, der sogenannten Luppe, auch Wolf genannt. Es wurde also kein flüssiges Eisen erzeugt; der Schmelzpunkt von Eisen liegt bei 1536 Grad Celsius. Während des Ofenganges war eine ständige Aufsicht erforderlich, denn Holzkohle und Eisenstein mußten von Zeit zu Zeit nachgefüllt und der Schlackenstand kontrolliert werden. Die größere Bedeutung kam dabei wahrscheinlich dem Schlackenstand zu. Hatte sich zu viel Schlacke (Abb. 11) gebildet, wurde das Ofentor aufgestochen, die flüssige Schlacke strömte in den eigens dafür hergerichteten Schlackenkanal und das Abstichloch danach wieder geschlossen .

Abb. 10: Rennofen

 

Der Ofengang wurde weitergeführt. Über die Schmelzdauer ist nichts bekannt. Nach wissenschaftlichen Versuchen dürfte sie, je nach Ofenhöhe und Erzgröße, etwa 10 bis 30 Stunden betragen haben. Allerdings muß davon ausgegangen werden, dass allein die Erfahrung der Hüttenleute die Schmelzzeit bestimmte. Glaubten sie, die Luppe sei groß genug, wurde das Befeuern und Beschicken mit Erz eingestellt und die Schlacke abgelassen. Erst nach Tagen wurde die Ofenbrust (wand) aufgebrochen und die Luppe entnommen. Der Ofen wurde danach auf Abtragungen oder Beschädigungen hin überprüft. War es erforderlich, so wurden die notwendigen Ausbesserungen vorgenommen und die Ofenbrust wieder geschlossen. Der Befeuerungs- und Beschickungsprozeß wiederholte sich. Bei stark abgetragener Ofenwand oder anderen erheblichen Schäden erfolgte der Abbruch des Ofens. An seiner Stelle wurde ein neuer errichtet.

 

Das alles setzte eine ständige Präsenz der Hüttenleute voraus, von denen wir leider gar nichts wissen. Anzunehmen ist, dass sie, ähnlich den Köhlern, vor Ort in einfachen Hütten gelebt haben. Während des Schmelzprozesses sanken nicht verwertbare Reste an den Grund des Ofens. Dort bildeten sie unterhalb der Luppe und noch unterhalb des Abstichloches in der Grube, einen stark eisenhaltigen Schlackenklotz, die sogenannte Ofensau (Abb. 12 und 13). War sie nach einem oder mehreren Ofengängen zu groß geworden oder wurde der Ofen abgebrochen, wurde sie entnommen. Die Entsorgung erfolgte über den Schlackenhaufen. Dort aufgefundene "Ofensauen" belegen nicht nur zwei- und dreimalige Ofengänge, sie sprechen auch dafür, dass über AbbruchsteIlen ein neuer Ofen errichtet worden ist.

Abb. 11: Rennfeuerschlacken; an dem oberen StUck ist das Fließen der Schlacke in vormals heißen Zustand zu erkennen
Abb.12 und 13: zwei "Ofensauen"; rechts: nach dreimaligem Ofengang entsorgt

Unklar bleibt, ob die Luppe, das eigentliche Endprodukt, vor Ort ausgeschmiedet oder zur Bearbeitung an Schmieden weitergegeben wurde. Um ihre Inhomogenität zu vermindern, mußte sie nämlich in einem recht aufwändigen Verfahren mehrmals ausgeheizt und solange geschmiedet werden, bis das Eisen frei von Schlackeneinschlüssen war. Ein nur männerfaustgroßer reiner Eisenklumpen blieb übrig. Ausheizöfen sind an den Verhüttungsplätzen obertägig nicht zu erkennen, wären aber - falls vorhanden - über Geomagnetik nachzuweisen.

 

In den Rennöfen wurde, im Gegensatz zu späteren Hochöfen, schmiedbares Eisen mit nur geringem Kohlenstoffgehalt erzeugt, das nicht mehr gefrischt* werden mußte.

 

*Frischen ist das Entfernen des Uberschüssigen Kohlenstoffanteils in Eisen mit Hilfe von Sauerstoff

 

Das Eisenerz

 

Bei akribischer Suche sind an einigen Verhüttungsplätzen oberflächig Brocken von nicht verhüttetem Eisenerz zu finden. Die vielen Varitäten des Erzes lassen erkennen, dass es aus unterschiedlichen Lagerstätten kommt. Zum einen werden kleine, lokal anstehende Erzvorkommen ausgebeutet, zum anderen wird Erz aus größerer Entfernung herangeschafft worden sein. Woher es letztendlich gekommen ist, bleibt unklar. Eine Analyse könnte diese Lücke schließen.

 

Es wäre schon wissenswert, woher beispielsweise der Eisenstein (Abb.14) kommt, der an den Standorten in der Region Königstein, Schloßborn, Oberems, Nieder- und Oberreifenberg, Schmitten, Arnoldshain, Riedelbach, Altweilnau und Hasselbach (siehe Seite 12) am häufigsten gefunden wird. Ganz sicher hat er lokal nicht angestanden. Sollte er aus Erzlagern bei Weilburg und Weilmünster angeliefert worden sein? Dort gibt es zwar die früheste Nachricht von einem Eisensteinbergbau in der Grafschaft Weilburg erst im Jahr 1414, bei Weilmünster im Jahr 1421, doch wird dort die Eisensteinausbeutung entschieden früher eingesetzt haben. Nichts spricht gegen Lieferungen von den Erzlagern an der unteren Weil hinauf in den Taunus.

Die Eisengewinnung war ein bedeutendes Gewerbe und das Anlegen von Transportwegen machbar. Aus Kostengründen galt ohnehin die Regel 'Erz kommt zum Holz', denn auf eine Einheit Eisenerz kamen etwa acht bis zehn Einheiten Holzkohle. Allein deshalb sollte an dem Vorhandensein eines entsprechenden Wegesystems nicht gezweifelt werden. Ein westlich von Niederreifenberg und Seelenberg verlaufender Waldweg ist heute noch als Rennstraße ausgewiesen, eine Bezeichnung, die von Rennofen abgeleitet ist.

 

Auch aus anderen Gebieten scheinen Eisensteinerze in den Taunus gelangt zu sein. Von in Schloßborn örtlich vorkommenden Varitäten von Brauneisenstein abgesehen, kommen dort und auf der angrenzenden Gemarkung Ehlhalten grauanthrazitfarbene Erze an den Ofen plätzen vor. Überliefert ist, dass bei Bremthal, Wildsachsen und Hessloch Bergbau auf Brauneisenstein betrieben wurde. Möglich, dass dieser Eisenstein bereits zur "Rennofenzeit" auch in den Taunus geliefert worden ist. Im Raum Bad Camberg, Erbach und Eisenbach ist eine weitere Abart von Eisenstein zu finden. Bekrumt sind die Erzvorkommen in Eisenbach und Selters. Eine Urkunde von 1489 nennt nur Oberselters die erste Schmiede.

 

Für beide Regionen, d. h. rur den Raum Bremthal und Bad Camberg / Selters kommen die ersten Nachrichten über geregelten Eisensteinabbau aus dem 16. und 17. Jahrhundert.

 

Das Ausmaß des Eisengewerbes zur "Rennofenzeit" im Taunus, vom Erzabbau, seinem Transport auf die bewaldeten Höhen und überhaupt das gesamte Hüttenwesen, verlangte eine ordnende Hand, Planung, kaufmännisches Denken und Geschick. Eine hoheitliche Regelung ist deshalb sehr wahrscheinlich. Leider setzen schriftliche Nachrichten dazu erst mit dem 15. Jh. ein.

Abb.14: Varietäten von Roteisenstein

Raseneisen- und Sumpferz

 

Sie zählen ebenfalls zu den Erzvaritäten. Es steht in unterschiedlichen Formen in feuchten, sumpfigen Gebieten kurz unter der Erdoberfläche an und war zu allen Zeiten leicht zu erlangen. Es entsteht durch Bakterien, die in sumpfigen, moorigen Grundwasserböden leben. Diese nehmen Eisen auf, verbinden sich mit Lehm und Erde und bilden nach dem Absterben feste Brocken, das Erz.

 

Der westliche Naturpark Hochtaunus weist viele quellige Hänge, Feuchtwiesen und sumpfige Bachregionen auf. Und tatsächlich gibt es dort Schlackenplätze, an denen unverhüttetes Erz dieser Art nicht nur an den Ofenplätzen, sondern auch im Umfeld gefunden wird (z.B. Reifenberger Wiesen und Schmittgrund in Oberreifenberg, am Heimbach in Heftrich, Suder Bad Camberg). Überrascht war ich darüber, dass auf dem Verhüttungskomplex Meisebach in Schloßborn, mit seinen sechzehn mächtigen Schlackenhaufen, nur selten ein Stück Roteisenstein zu finden ist. Hier herrschen Brauneisenstein und Raseneisenerze vor. Bodenanomalien (Gräben, Vertiefungen) im Nahbereich des Hüttenareals lassen mutmaßen, dass örtliche Erzvorkommen ausgebeutet wurden. Der Verhüttungskomplex um die Meisebachquellen herum ist es wert, wegen seiner Geschlossenheit unter besonderen gemeindlichen und forstlichen Schutz gestellt zu werden.

 

Aufbereiten des Erzes

 

Das aufgelesene oder gebrochene Erz wurde vor dem Ofengang aufbereitet. Dazu gehörte unter anderem, dass sogenanntes taubes I schlechtes Gestein abgeschlagen wurde. Mit der Qualität (Reinheit) konnte die Effektivität des Reduktionsprozesses im Ofen erheblich gesteigert werden. Im Hinblick auf einen beschwerlichen Transport zu fern liegenden Verhüttungsplätzen ist davon auszugehen, dass der Eisenstein "rein" angeliefert worden ist. An keinem Schlackenplatz gibt es Hinweise auf abgeschlagenes Gestein.

Eine weitere Steigerung des Reduktionsprozesses war das Pochen I Zerkleinern der Erzbrocken; je kleiner, desto besser. Das Pochen des Erzes - für Rösten gibt es keinen Nachweis - erfolgte sehr wahrscheinlich am Verhüttungsort. Hierfür sprechen die in unterschiedlicher Größe aufgefundenen Erzbrocken, deren Gewicht zwischen 5 bis 2000 Gramm betragen.

Eine Halde von abgeschlagenem tauben Gestein ist im Wald nördlich von Dombach/Kreis Limburg Weilburg vorhanden. Ein Eisensteinabbau ist hier nicht erfolgt. Zwischen den Bergbauspuren und den nordwestlich davon gelegenen Podien mag ein Zusammenhang bestehen, nicht aber mit den dortigen Eisenschlackenplätzen.

 

Bergbauspuren als Bodenanomalien

 

Immer wieder treffe ich auf teils großflächige Schürfffelder mit Erdaufwerfungen, pingen- und grabenartige Bodenvertiefungen, die auch eingebrochene Stollen anzeigen können. Ein anschauliches Beispiel gibt es darur im Königsholz, Gemarkung Altweilnau. Am Westhang dieses Walddistriktes liegen hintereinander mehrere Pingen und Erdaufwerfungen. Die dort lokalisierten Schlackenplätze gehören in die "Rennofenzeit", stehen aber zeitlich in keinem Zusammenhang mit den Spuren des Bergbaus, von denen sie teilweise überlagert werden.

 

Der Bergbau war (und ist noch heute) nicht nur auf Eisenerze und Buntmetalle, sondern auch auf Abbau von Dachschiefer, Kalk, Ton, Lehm und vieles mehr ausgerichtet. Somit verändert jeder Eingriff in den Boden die Oberfläche. Auch Bombentrichter aus der Zeit des zweiten Weltkrieges haben den Waldboden gezeichnet, verstärkt zu beobachten in der Gemarkung Schloßborn, Distrikt Kalbsheck und dem nahegelegenen Küglerweg, Gemarkung Königstein. Sie bilden heute eine eigene Denkmälerart.

 

Zur Zeitstellung der Rennfeuer- / Rennöfen im Taunus

 

Ob Forscher oder Amateur, auf dem Gebiet der Geschichte stellt sich jeder die Frage nach dem Wann. In welchem Jahrhundert haben (um beim Thema zu bleiben) die Eisenhüttenleute ihre Schmelzöfen an den Taunushängen betrieben?

Kaum eine Epoche ist archivalisch so schlecht belegt wie die der Rennfeuer- / Rennöfen.

 

Die älteste Nachricht aus diesem Teil Nassaus stammt aus dem Jahr 780 unserer Zeit. Drei Hufengüter im Weiltal waren dem Kloster Lorsch zur jährlichen Abgabe von Eisen verpflichtet. Eine weitere Information kommt aus der Zeit um das Jahr 912 und besagt, dass 23 Bauern aus Möttau (östlich von Weilmünster) als jährliche Abgabe der Abtei Fulda Eisen zu liefern hatten. Da die Abgabe auch r .Hühner und Eier einschloß sieht es so aus, als sei das Eisen von den Bauern selbst oder in ihrem Auftrag erschmolzen worden. Zur Eisengewinnung direkt wird weder in den genannten noch anderen Überlieferungen berichtet.

 

Erst vierhundert Jahre später gibt es eine weitere Nachricht für den Taunus.

 

Der Versuch einer Datierung

Ein überlieferter Schiedsspruch aus dem Jahr 1319

 

Wer kennt nicht die Redensart, "wenn sich zwei streiten, dann freut sich der Dritte"? Diese Worte finden ihre Bestätigung rur die Zeit der Rennfeuer- / Rennöfen, bei der wir heute die Nutznießer sind. Das Jahr 1319, ein Glücksjahr für die Forschung. Ein Schiedsspruch vom 4. November 1319, mit dem Graf Dietrich von Runkel einen Streit zwischen dem Grafen Gerlach von Nassau (Walramsche Linie mit Weilburg und Idstein; Machtmittelpunkt Burg Idstein) auf der einen und Gottfried von Eppstein auf der anderen Seite schlichtete. Beide hatten Besitzungen im Taunus. Streitobjekte waren der Walddistrikt Hanenberg (er wird bei Altweilnau vermutet) und der seinerzeitige Rabenhain, heute Rübenhain, im oberen Emsbachtal, in der Gemarkung Oberems. Graf Dietrich von Runkel sprach dem Grafen Gerlach von Nassau, dem der Wildbann im Hanenberg zustand, das Recht zu, den Wald gegen Verwüstungen durch Schmieden, Kohlenbrennen und Roden zu schützen. Damit geIten Eisenerzverhüttung (dort als Schmieden bezeichnet) und die mit ihr eng verbundene Köhlerei (dort Kohlenbrennen) um 1319 in dieser Taunusregion als nachgewiesen. Auf das Eisen bezogen ist es die einzige Nachricht für das 14. Jahrhundert in diesem Teil Nassaus.

In dem seinerzeit erwähnten Rabenhain finden wir heute - neben Einzel-Schlackenplätzen - im Bereich einer natürlich eingetieften Quelle (Abb. 6) sieben mächtige Schlackenhalden.

 

Ein Grabungsfund aus dem 13. Jahrhundert

 

Etwa 350 m südwestlich des Schlackenkomplexes im Rübenhain, Distrikt Unterer Seelborn, oberhalb vom Emsbach, erfolgte im Jahre 2000 an dem dortigen Standort der Waldglashütte "An der Emsbachschlucht" (Mitte 15. TI1.) eine wissenschaftliche Grabung. Es war bekannt, dass die Waldglashütte auf dem Areal einer zeitlich vorausgegangenen Eisenerzverhüttung errichtet worden war. Während der Arbeiten konnte im Aktivitätshorizont der Eisenhüttenleute vergesellschaftete Fragmente einheimischer Kugeltopfkeramik geborgen werden, datiert in das 13. Jahrhundert.

 

Die Standorte

 

Ein wesentlicher Faktor für die Datierung sind die Standortbefunde. Zu fast hundert Prozent sind die hangseitigen Schlackenplätze im Nahbereich von Wasserläufen (selten direkt angrenzend), an Quellaustritten (auch solchen mit hohen Rand), Quellmulden und am Rande sumpfiger FeuchtsteIlen anzutreffen. Alle haben sie eines gemein; Wasser konnte als Kraftquelle zum Betreiben von mechanischen Blasebälgen nicht genutzt werden. Eine grundlegende Feststellung. Die Bedeutung dieser öltlichen Gegebenheiten wird erst beim Vergleich mit wissenschaftlichen Erkenntnissen klar.

Danach haben die Eisenhüttenleute spätestens gegen Ende des 14. Jahrhunderts die Quellen und Wasserläufe an den oberen und mittleren Hanglagen verlassen. Sie sind hinab in die Täler gezogen. Dort ließen sie sich an größeren Bächen, zum Beispiel an der Weil, nieder. Damit vollzog sich eine völlig neue Entwicklung der Eisengewinnung und -verarbeitung.

Unter Beibehaltung der Rennofentechnologie - bis Ende des 16. Jahrhunderts - nutzten die Eisenhüttenleute seit dieser Zeit die Kraft des Wassers als Antrieb für mechanische Wasserradgebläse. Damit vollzog sich langsam der Übergang vom Rennofen zu größeren Schmelzöfen, den Stuck- und Floßöfen, den ersten Hochöfen, Schmieden und Eisenhämmer.

Vor diesem Hintergrund darf für den Forschungsraum angenommen werden, dass für Rennöfen in den oberen und mittleren Hanglagen eine Nutzung des Wassers als Kraftantrieb weder vorgesehen noch überhaupt möglich war. Folglich wurden sie betrieben, bevor die Eisenhüttenleute in die Täler zogen, also aller spätestens gegen Ende des 14. Jahrhunderts. Eine Ausnahme könnte es am Emsbach, Flur Kirchbaumwiese in Oberems, gegeben haben. An der engsten Stelle des Wiesentales liegt, quer zum Bach- und Talverlauf, eine sechzehn Meter lange und fünf Meter breite mächtige Schlackenhalde. Mit Bäumen und Buschwerk bewachsen trennt sie hier optisch das Tal und läßt nur eine Wegbreite frei. Eine Schmalseite der Halde grenzt fast an den Emsbach an, so dass hier ein mechanisches Wasserradgebläse vorstellbar wäre.

 

Mit Beginn des 15. Jahrhunderts

kommt Licht in die Geschichte der Eisengewinnung im Taunus

 

Nun setzt eine urkundenreiche Zeit ein, die uns über die nachfolgenden Jahrhunderte unterrichtet. Verträgen aller Art (Verleihungsurkunden, Verpfändungen, Abgaben- und Bestandbücher, Zinszahlungen, Vermählungen und Erbschaften) ist zu entnehmen, dass vornehmlich im Tal der Weil eine starke Entwicklung und Ausbreitung der Eisenindustrie stattfand. Eisenhütten / Waldschmieden und Eisenhämmer wurden gegründet. Genannt werden unter anderen die Hattsteiner Schmiede (1399), eine Waldschmiede in Weilmünster (1414), Schmiede bei Emmershausen (erste Erwähnung 1395 in einem Rügenverzeichnis; gehörte zur Herrschaft Altweilnau), Schmieden bei Winden, Rod an der Weil (1537 als "vergangen" bezeichnet) und die Audenschmiede (hat als Eisenhütte bis in das 19. Jh. fortbestanden). Aus dieser Zeit gibt es Nachrichten darüber, dass die Hütten des Weiltals Eisenerze aus der Grafschaft Nassau-Weilburg (1414) und Weilmünster (1421) bezogen haben.

 

In jener Zeit war der Taunus in viele kleine Herrschaftsbereiche geteilt. Unter anderen sind da zu nennen die Grafschaften Nassau-Weilburg, Nassau-Saarbrücken, Herrschaft Altweilnau, Grafen von Diez, Herren von Cronberg, Grafen von Katzenellenbogen, Herrschaft Eppstein, die Hattsteiner und Erzbischof von Trier. Es läßt sich erahnen, dass sie alle über ihren Grund- und Wald besitz in irgendeiner Weise in das Geschäft mit dem Eisen eingebunden waren.

 

Weiteren Überlieferungen ist zu entnehmen, dass sich mit dem beginnenden 15. Jh. die Waldschmieden durch ortsfeste Lage auszeichnen und zu selbstständigen Unternehmen wurden, die dem Landes- oder Grundherrn steuerpflichtig waren. Genannt wird zum Beispiel ein Meister Otto. Er erhielt 1421 von dem Grafen Philipp von Nassau-Saarbrücken die Schmiede in Weilmünster zu Erblehen. Diese Nachrichten lassen sich fortsetzen und unterstreichen, dass mit dem endenden 14. und beginnenden 15. Jh. tatsächlich Licht auf das Eisenhandwerk im Taunus fällt.

 

Bei allen Urkunden fließen Orts-, Flur-, Wege- und Personennamen ein, die in Verbindung zum Eisenhandwerk stehen. Wappen, selbst die kleiner Gemeinden, weisen heute noch auf Eisenbergbau und Schmiedehandwerk hin. Sie alle bieten einen Ansatz für weiterführende Forschungen. Zusammengefaßt betrachtet ist die Eisengewinnung in Rennfeuer- / Rennöfen im Begehungsraum schwerpunktmäßig für das 13. und beginnende 14. Jb. nachgewiesen, dürfte aber wesentlich früher eingesetzt haben.

 

Die Jahrhunderte alten Spuren in den Wäldern lassen erkennen, dass die mittelalterliche Eisenerzverhüttung und der sie begleitenden Gewerbe wie Bergbau, Köhlerei, Schmiedehandwerk, Transportwesen und Handel für viele Bewohner der Region Lebensbasis war.

 

LITERATUR

H. Schubert, Geschichte der Nassauischen Eisenindustrie; Marburg, 1937. - B. Pinsker, Eiseniami, zu den Wurzeln der nassauischen Eisenindustrie, Wiesbaden 1995. - H. Nauk, Eisenerzverhüttungsplätze und Glashüttenstandorte; neu entdeckte Bodendenkmäler in Glashütten, Oberems, Schloßborn; Fundbericht an LfDH 2001. Ders. Ein Glasofenhügel und Eisenerzverhüttungsplätze; drei Bodendenkmäler in Königstein-Falkenstein; Fundmeldung H-8.12 an LfDH, 2001. - Ders. Flurbegehungen, ein Weg zu verborgenen Bodendenkmälern; In: Glashütten im Gespräch, Berichte und Materialien vom 2. Internationalen Glassymposium 2001, P. Steppuhn im Auftrage des Kulturkreises Glashütten e.v., S. 166 - 170.- H. Nauk, Von der Feld- zur Waldarchäologie - den Rennfeueröfen im Taunus auf der Spur; In: Hessen ARCHÄOLOGIE 2006, S. 138 - 140. - Ders. Aufnahmekatalog H -8.30; Schlackenplätze, Relikte einer mittelalterlichen Eisenerzverhüttung im westlichen Naturpark Hochtaunus, Projekt 2001- 2009; Bericht an LfDH 2009.

Historie-Arbeitskreis-Glashütten

Ingrid Berg

Nachtigallenweg 3
61479 Glashütten

06174-62389

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Historie-Arbeitskreis-Glashütten