Historie-Arbeitskreis-Glashütten Taunus
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Der Ort Oberems

Der Emsbachverlauf und sein Mühlgraben – Korrekturen und neue Erkenntnisse

(Recherchen und Texte Ingrid Berg, Jürgen Geiß, Gerd Himmelreich)

 

Im Jahre 2012 erschien die dreibändige Dokumentation „Mühlen im Hochtaunuskreis“ (Autoren: Ingrid Berg und Alexander Wächtershäuser, herausgegeben vom Kreisarchiv des Hochtaunuskreises), in der die zwei Oberemser Mühlenstandorte „Brückenmühle“ und „Untermühle“ ausführlich behandelt werden. Auf dieser Basis, allerdings mit vielen inhaltlichen und bildlichen Erweiterungen, erstellten Ingrid Berg und Jürgen Geiß 2013 die Dokumentation „Ober­ems und seine Mühlen“. Dieser Band enthält auch den Ausschnitt eines Messtischblattes von 1907, in das nachträglich der Verlauf des Emsbachs (blau) und des vermeintlichen Mühlgrabens (rot) eingezeichnet wurde. Die Verfasser gingen aufgrund des damals vorliegenden Kartenmaterials davon aus, dass zum Antrieb der Brückenmühle, da diese über einen Stauweiher verfügte, kein längerer Mühlgraben nötig war. Inzwischen liegt weiteres aussagekräftiges Kartenmaterial vor, ferner wurden zahlreiche Recherchen, z.B. auch Begehungen  getätigt, so dass diese Aussage als falsch bezeichnet werden muss.

Abb. 1 Emsbachbegehung am 22.03.2015, von links: Gerd Himmelreich, Jürgen Geiß, Ingrid Berg, Uwe Berg, Dr. Rainer Dambeck, Uni Ffm.

Ganz wesentlichen Anteil an einer Neubeurteilung der Mühlgrabensituation haben aber die Forschungen und Flurbegehungen von Gerd Himmelreich, Oberems, der bereits 2013 auf Irrtümer und neue Erkenntnisse hingewiesen hat, die sich in der Folgezeit grundsätzlich bestätigt haben. Schon eine von Jürgen Geiß, Oberems, gefundene Luftbildaufnahme von 1953 zeigt (zwar in der notwendigen Vergrößerung undeutlich) den Emsbachverlauf und einen langen, erheblich weiter oben abzweigenden Mühlgraben.

Im Folgenden wird hier die Ausarbeitung von Gerd Himmelreich, Oberems (Stand Mai 2015) wiedergegeben:

 

Für mich ergaben sich beim Studium verschiedener topografischer Karten, bei der Auswertung einer Luftbildaufnahme und bei zahlreichen Geländebegehungen neue Erkenntnisse über den Verlauf des früheren Mühlgrabens und die damit zusammenhängenden anthropogenen Veränderungen des ursprünglichen Emsbachverlaufs. Verfolgt man auf den topografischen Karten (TK) der Jahre 1959 und 1960 das Oberflächenrelief mit Hilfe der Höhenlinien, so ist deutlich erkennbar, dass von der Höhenlinie 435 m ab (in Höhe der Hütte der heutigen Pferdekoppel) der eingetragene Wasserlauf einen unnatürlichen (anthropogenen) Verlauf nimmt, da er von dieser Stelle ab am Talhang entlang verläuft und nicht in natürlicher Weise im untersten Bereich der Talsohle. Über ein minimales Gefälle erreicht dieser Wasserlauf den Bereich leicht unterhalb der heutigen Straße „Zur Herrnwiese“ und folgt dieser bis zu dem damals existierenden Mühlweiher in einer Höhenlage leicht unterhalb von 430 m. Die Höhenlage des Mühlengebäudes der Brückenmühle ist zwischen 422 und 425 m. Vom Mühlweiher zweigen zwei kurze Wasserabflüsse ab; der eine dürfte als Überlaufabfluss gedient haben, der andere muss als Zuleitung in das Mühlengebäude gesehen werden. Eine Luftbildaufnahme von 1953 stützt diese Vermutung über den früheren Verlauf des Mühlgrabens. Auf dieser Aufnahme ist deutlich eine durchgehende und lückenlose Baumreihe zu erkennen, die als typisch bachbegleitende Baumgruppierung anzusehen ist und die den Verlauf des Emsbaches aufzeigt. Abzweigend von diesem erkennt man den Verlauf des Mühlgrabens ab der heutigen Pferdekoppel. Ein Restbestand einer auch diesen Verlauf begleitenden Baumgruppe ist auf der Karte zu erkennen; er steht auch heute noch im Bereich der Pferdekoppel.

Auf der TK der Jahre 1959 und 1960 ist zu erkennen, dass der oben beschriebene künstliche Wasserlauf (Mühlgraben) als angeblicher Emsbachverlauf eingezeichnet ist. In der eigentlich tiefer liegenden natürlichen Talaue erscheint erst ab der Höhenlinie 430 m der ursprüngliche Emsbachverlauf wieder. Es ist davon auszugehen, dass bei der Anlage des Mühlgrabens das gesamte Bachwasser[1] in diesen abgeleitet wurde und damit der eigentliche frühere Emsbachabschnitt zwischen den Höhenlinien 435 m und 430 m auf eine Länge von ca. 125 m trocken gefallen ist. Noch heute erkennbare ober- und unterirdische kleine Wasserzuläufe von der westlichen Talhangseite (Mühlweg) dürften dafür gesorgt haben, dass der durch die Anlage des Mühlgrabens trocken gefallene ursprüngliche Bachverlauf sich wieder regenerieren konnte. Für diese Annahme können zwei Hinweise herangezogen werden. Zum einen zeigt die Luftbildaufnahme zwischen den Höhenlinien 435 m und 430 m eine Lücke der bachbegleitenden Baumreihe, zum anderen zeigt der heutige Bachverlauf in diesem Abschnitt einen völlig gradlinigen Verlauf[2], während ober- und unterhalb dieses Streckenabschnitts der Bach einen natürlichen mäandrierenden Charakter hat, außerdem ist nur in diesem Abschnitt das Bachbett mit Natursteinen dachziegelartig ausgekleidet. Es ist anzunehmen, dass bei der Flurbereinigung Mitte der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts[3] der Wassereinlauf in den Mühlgraben beseitigt wurde und mit dem gradlinigen Bachabschnitt zwischen Höhenlinie 435 m und 430 m der Emsbach durch Menschenhand wieder seinen früheren Verlauf in der unteren Talaue erhielt.

 

 

Ein im Februar 2017 getätigter Aktenfund aus dem Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (HHStAW 509/1269; Flurbereinigung Oberems) bestätigt die durch Gerd Himmelreich beschriebene Situation. Hier ein Abschnitt der Seite 2 des Bodenverbesserungsplans, der am 17.03.1958 vom Landeskulturamt Wiesbaden dem Hessischen Minister für Landwirtschaft und Forsten überreicht wurde.

 

(Textauszug)

Abschnitt oberhalb des Ortes.

Der vorhandene Wasserlauf fließt bei Eintritt in die Gemarkung in zahlreichen Schleifen und Windungen an tiefster Stelle der Talsohle.. Nur auf einer Strecke, etwa 400 m oberhalb der Brückenmühle beginnend, verläuft der Bachlauf an überhöhter Stelle. Der Bachlauf hat sich in den früher vorhandenen Mühlgraben verlagert. Die Ufer sind steil und mit Buschwerk bewachsen. Zwischen der Brückenmühle und dem Ortsrand ist der Bachlauf tief eingeschnitten. Der vorhandene gewölbte Durchlaß bei der Brückenmühle von 90/110 cm Lichtweite ist etwa für HHW ausreichend.

Der Abschnitt von der Brückenmühle bis etwa 400 m aufwärts muß reguliert und dabei in die Talsohle verlegt werden, da hier die Seitenentwässerung verbessert und Vorflut für erforderliche Dränungen hergestellt werden muß.

Anstelle des nicht mehr vorhandenen Mühlenwehres wird voraussichtlich ein Sohlabsturz erforderlich sein. Der gemauerte Durchlaß an der ehemaligen Brückenmühle soll instandgesetzt und die Einmündung des Baches in den Durchlaß verbessert werden. Auf den übrigen Strecken dieses Abschnittes sollen im Bachlauf lediglich die Hochwasserabflußhindernisse im Bachprofil beseitigt werden.

 

Im August 1958 hat die Erbengemeinschaft Becker, vertreten durch Herrn Reinhard Geiß, die Löschung folgender Wasserrechte beantragt:

1. Wasserrecht für den Emsbach (eingetragen 1924)

2. Staurecht für den Emsbach (eingetragen 1926)

Da zu dem Zeitpunkt (1958) die Stauanlage schon beseitigt, die Staumarke nicht mehr zu erkennen und der Betriebsgraben ohne Wasser war, werden die Wasserrechte gelöscht. Der Mühlenbetrieb war seit 1930 völlig stillgelegt. Seit Beseitigung der Stauanlage (vor 1958, genauer Zeitpunkt bisher unbekannt) nimmt demnach das gesamte Wasser des Emsbachs wieder seinen natürlichen Verlauf in der Talsohle. Wann der Betriebsgraben zugeschüttet wurde, lässt sich derzeit nicht feststellen.

 

Im Jahr 1968 wird das Flurbereinigungsverfahren Oberems als beendet erklärt (sog. Schlussfestsetzung). Auf Nachfrage sind zu dem Zeitpunkt die Aufgaben noch nicht abgeschlossen, allerdings auch 1975 noch nicht. Um welche Aufgaben es sich konkret dabei handelte, ist leider nicht ersichtlich.

 

Folgende Karten zeigen die Situation des Emsbachs und des Mühlgrabens in chronologischer Anordnung:

1876 Karte des Königl. Preußischen Generalstabs: durchgängig eingezeichneter Emsbach mit ab Höhenlinie 435 m abzweigendem Mühlgraben. Brückenmühle durch zwei Mühlräder (Öl- und Mahlmühle) markiert. Abb. 2 1876 Karte des Königl. Preußischen Generalstabs: durchgängig eingezeichnete Emsbach mit ab Höhenlinie 435 m abzweigendem Mühlgraben. Brückenmühle durch zwei Mühlräder (Öl- und Mahlmühle) markiert.
Abb. 3 1907 Messtischblatt mit zwischen den Höhenlinien 435 und 430 m nicht vorhandenem Emsbach

1908 ungenau gezeichnete Karte aus „Auf zum Taunus“ mit kontinuierlichem Emsbachverlauf und abzweigendem Mühlgraben.

 

1950 Ortskarte 1:10.000 (letzte Änderung 1940): Emsbach nach Abzweigung des Mühlgrabens nicht mehr vorhanden. Wiederbeginn des Bachverlaufs südlich der heutigen Straße „Zur Herrnwiese“.

 

1953 Luftbildaufnahme mit vom Emsbach abzweigendem Mühlgraben. Emsbachverlauf am Baumbestand deutlich zu erkennen, ob wasserführend nicht erkennbar.

1957 Gebietskartenskizze zur Flurbereinigungssache zeigt nur einen einzigen Wasserlauf.

 

1995 (aktualisiert 1993) TK 1:25.000, 5716 Oberreifenberg zeigt den in das alte Bachbett zurückverlegten, zum Teil begradigten Emsbachverlauf.

Abb. 4  Ca. 1955 oder früher (ohne Datumsangabe, nur mit dem Hinweis „vor der Flurbereinigung“) große handgezeichnete farbige Karte von Oberems im Gemeindearchiv Glashütten zeigt als wasserführend nur den Mühlgraben bis hin zur Brückenmühle. Der (frühere) Emsbachverlauf ist nur erkennbar an den gegeneinander aufstoßenden Wiesenstücken in der Talaue. Der eingezeichnete Flurname „Zwischen den Bächen“ belegt aber die natürliche Situation.

 

[1] (Kommentar Berg): Auch nach der Anlage des Mühlgrabens im 17. Jahrhundert blieb der eigentliche Emsbachverlaufs erhalten, wie später auf der Karte des Königl. Preußischen Generalstabs von 1876 ersichtlich. Der Flurname „Zwischen den Bächen“ belegt diesen Zustand. Aus den Akten (Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden und Gemeindearchiv Glashütten) geht hervor, dass die ehemals Kröfteler Mühle im 17. Jh. an den Emsbach verlegt wurde, weil dieser reichlicheres Wasser führte. Es war üblich, dass die Müller mittels eines Wehrs je nach Bedarf den Wasserzulauf in den Mühlgraben regulieren, in Trockenzeiten sogar die gesamte Wassermenge in den Mühlgraben leiten konnten. Da die Quelle des Emsbachs im Seelbornbereich durch die Königsteiner und/oder Schloßborner Müller häufig „angezapft“ wurde, musste sich das System oft allein durch Hangwasser speisen, und dieses reichte häufig für den Antrieb der Mühlräder nicht aus. Die Brückenmühle besaß aber einen Mühlteich als Puffer und war so zumindest zeitweise unabhängig von einem kontinuierlichen Wasserzulauf. Während längerer Trockenzeiten, vor allem im Sommer, wird der Emsbach von der Abzweigung des Mühlgrabens gar kein Wasser geführt haben. Der eigentliche Emsbachverlauf erscheint erst wieder ab der Höhenlinie 430, wie aus späteren Karten ersichtlich. Im Oberemser Haushaltsplan wird für 1918/19 die Wiese „zwischen den Bächen“ erwähnt.

 

[2] (Kommentar Berg): Dieser teilweise gradlinige Verlauf des Emsbachs geht eventuell schon auf die bereits Mitte des 19. Jh. bei Bachläufen vorgenommene Regulierung (Teilbegradigung) zurück, eine Art Flurbereinigungsverfahren zur Verbesserung des Wiesengeländes (nachgewiesen u.a. am Erlenbach für 1867 und an der Weil 1858) oder auf die spätere Wiesenmelioration, die z.B. in Schloßborn 1936 vorgenommen wurde. Für Oberems fehlt noch der Nachweis.

 

[3] (Kommentar Berg): Leider erinnert sich kein Alteinwohner von Oberems an das Zuschütten des Mühlgrabens; in den Akten konnte bisher kein Hinweis gefunden werden.

 

 

 

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